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Alexandra Rother
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Bettler, und wie man ihnen begegnen könnte

Es ist mitten in der Nacht, nass, kalt, und dann liegt da auf der Strasse ein Kind. Was machen Sie jetzt?

Hintergrund

Vor allem in grösseren Städten trifft man vielerorts auf Bettler, viele von ihnen stark verkrüppelte Menschen, die vom nepalesischen Staat her auf keinerlei Unterstützung zählen können. Am höchsten ist die Bettlerdichte rund um heilige Orte und religiöse Stätten. Wer in Nepal bettelt, tut dies oft aus äusserster Not heraus. Soziale Netzwerke gibt es kaum. Die zahlreichen NGOs, die sich der Armutsbekämpfung widmen, können nicht jedem helfen.

Tipp 

Wer einem bettelnden Menschen in Nepal helfen will, sollte auf grosszügige Geldspenden verzichten und nach Angaben verschiedener NGOs Grundnahrungsmittel (etwa Reis, Hirse) oder Brot spenden. Wer sich für die theoretische Diskussion rund um humanitären Beistand und Nothilfe interessiert, dem sei die Essay-Sammlung „Giving Well. The Ethics of Philanthropy“ der Herausgeber Patricia Illingworth, Thomas Pogge und Leif Wenar empfohlen.

Nacht, nass, kalt, und dann liegt da plötzlich ein Kind…

Es war spät, nach Mitternacht. Ich stolperte durch die leere Stadt. Am frühen Abend hatte es geregnet. Kleine Tümpel auf den Strassen reflektierten das Licht, das von den schwach leuchtenden Laternen auf die Strassen fiel. Kathmandu schlief, seit Stunden. Es war still. Nur Strassenhunde wühlten an manchen Ecken kläffend in den Abfallbergen. Ich hatte mir am frühen Abend vorgenommen, die Stimmung zwischen den alten Tempel am Patan Durbar Square einzufangen. Ich ging hin. Dann kam der Regen. Ich setzte mich auf eine Steintreppe unter dem schützenden Tempelvordach und wartete. Der Regen hatte viel Ausdauer. Ich hatte Zeit, eine warme Jacke und ein Buch.

Irgendwann verzogen sich die Wolken. Der Himmel klarte, der Regen stoppte, und ich machte mich auf den Weg nach Hause. Kurz vor der Verzweigung Pulchowk bog ich in eine Seitenstrasse ein und stapfte über den löchrigen Gehsteig Richtung Ekantakuna. Im schummrigen Laternenlicht sah ich etwas am Boden liegen. Ein Strassenhund, dachte ich zuerst. Als ich näher kam, erkannte ich eine zerrissene Stoffblache. Darunter schauten zwei dürre Beine hervor. Ich näherte mich langsam, blieb stehen. Im schwachen Licht meines Smartphone-Displays erkannte ich ein Gesicht, das Gesicht eines Kindes. Ich konnte nicht erkennen, ob der Mensch, der vor mir auf dem nassen Gehsteig lag, ein Mädchen oder ein Junge war. Verfilzte nasse Haarbausche klebten dem Kind im Gesicht. Ein blechernes Bettlelschüsselchen stand daneben, bis zum Rand voll mit Regenwasser. Unter der kleinen Blache lugten alte Plastiksäcke hervor. Das Kind hatte sie sich wohl zurechtgezupft, um nicht direkt auf dem nassen Gehsteig liegen zu müssen. Ich stand da und dachte nach. Wer ist dieser Mensch? Wieso liegt er hier? Ich beugte mich zu dem Kind hinunter, wollte hören, ob es atmet. „Hey“, sagte ich leise. „Hey.“ Doch, das Kind regte sich nicht. Ich wartete, beugte mich noch ein wenig tiefer hinunter und konnte seinen leisen, schnellen Atem hören. Endlich. Beruhigung. Darf es das überhaupt geben, Beruhigung, angesichts einer solchen Begegnung?

Ich richtete mich wieder auf, dachte nach. Ich hatte kein Geld bei mir, kein Essen. Habe ich die Pflicht, diesem Menschen zu helfen? Wie kann ich ihm überhaupt helfen? Und wieso hat das sonst noch keiner getan? Ich starrte hilflos auf die dürren Beine, die Blache, das verklebte Gesicht. Was unterscheidet mich von diesem Kind? Eigentlich nichts, ausser pures Glück, das ich im Übermass hatte, und das ihm in seinem Leben gänzlich verwehrt blieb. Schicksal vielleicht, Zufall, wer weiss das schon.

Mir wurde unwohl, ich schaute weg, drehte mich ab und ging weiter. Mir kamen all die Diskussionen über Nothilfe und Nächstenliebe in den Sinn. Ich dachte an Peter Singers Tümpel-Gleichnis, an die Frage, was ich angesichts der grossen Not vieler Mitmenschen tun muss, um kein moralisches Verbrechen zu begehen. In dieser Nacht habe ich nichts getan. Ich habe diesem Kind nicht geholfen. Manchmal quält mich das, dieses Elend, diese Starre, die das Elend in uns verursachen kann, diese vielleicht schützende Gleichgültigkeit, die in uns heranwächst, diese Distanz die es gibt zwischen uns und den anderen; jenen, die weniger Glück hatten als wir. 

Was hätten Sie getan? Es ist mitten in der Nacht, kalt, eine nasse Strasse, am Boden ein Kind, niemand sonst ist da. Was machen Sie jetzt?

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