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Alexandra Rother
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Geschenke in Nepal

Als ich Dipesh eine Toblerone schenkte, verdüsterte sich sein Blich urplötzlich.

Hintergrund 

Gastgeschenke sind gerngesehen in Nepal. Über nützliche Mitbringsel aus dem fernen Europa (Taschenmesser, Stirnlampen, Kugelschreiber) freut man sich sehr. In der buddhistischen Kultur (so etwa bei vielen nepalesischen Bergvölkern) ist es üblich, den Gästen einen weissen Seidenschal mit auf den Weg zu geben, wenn sie einen verlassen. Der Schal soll vor Unglück schützen und den Gästen eine sichere Rückkehr nach Hause garantieren.

Tipp 

Nepalesen sind Künstler des Ausgleichs. Das gilt insbesondere beim Schenken. Wer schenkt, der darf ein Gegengeschenk erwarten. Wer beschenkt wird, von dem wird erwartet, dass er seine „Schenk-Schuld“ irgendwann ausgleicht. Dieses Gegenschenkrecht steht nirgendwo festgeschrieben, ist im Denken der Nepalesen aber fest verankert.

Die Bürde des Beschenkten 

Dipesh hatte keine Ahnung, was dieses ‘Victorinox’ eigentlich heisst. Er hatte sich den Pulli irgendwann vor Jahren mal auf dem Kleidermarkt in Koteshor gekauft. Und dass da gross und fett ‘Victorinox’ draufstand, das hat ihn nicht sonderlich gestört. Ich habe ihn ab und zu mit diesem Pulli gesehen, wenn er mit heissem Tee, Momos und Zigaretten in seinem kleinen Restaurant rumgeflitzt ist und die hungrigen Gäste bediente. Irgendwann hab ich ihm dann mal eines meiner Victorinox-Sackmesser mitgebracht und ihm erklärt, dass Victorinox – wie ich – aus der Schweiz käme und dass die Schweizer diese Messer herstellen würden und dass er das behalten könne. Dipesh wirkte unsicher, als ich ihm das Messer gab. Er war kurzangebunden, doch, was hätte ich schon erwarten sollen. 

Rund eine Woche später dann hat er sich selbst erlöst, hat sich aus seiner ungewollten Schuld befreit, hat meine Geste getoppt. Ich hatte eben meine Momos bei seinem Gehilfen bestellt, da kam er strahlend auf mich zu und streckte mir einen Plastiksack hin. Darin eingepackt fand ich ein wunderschönes T-Shirt in den Nationalfarben Nepals, bestickt mit dem nepalesischen Stern und dem symbolischen Halbmond. Vor versammelter Gäste-Schar habe ich mich auf Dipeshs Geheiss umgezogen. Das T-Shirt passte perfekt, ich habe mich aufrichtig gefreut, und Dipesh strahlte noch viel breiter als zuvor. Es schien, als sei ihm eine Last von den Schultern gefallen. “You give something, you get something. That’s how it goes in Nepal”, rief mir Dipesh zu. 

Gestern dann, am letzten Tag vor meiner Rückreise in die Schweiz, habe ich Dipesh, meinem nepalesischen Lieblingskellner, eine grosse, goldene Toblerone vorbeigebracht. Den Anblick werde ich nicht vergessen. Dipesh bedankte sich zwar mit einer tiefen Verneigung, doch sein Blick war irgendwie verdammt düster. Ich habe ihn in die Schuldposition zurück bugsiert, habe ihn vom Schenkenden zum Beschenkten degradiert. Dipesh wird auf ewig am Zug bleiben. Ein ungutes Gefühl, offenbar.

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