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Alexandra Rother
Nepal Trekking Expertin seit 1998.

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Stellung der Frau

Sabina wurde von ihrem Mann verprügelt. Heute ist sie seine Chefin.

Hintergrund

Offiziell haben Frauen in Nepal dieselben Rechte und Pflichten wie Männer. Die „klassische Rollenverteilung“ (Frau sorgt für Familie, Mann sorgt für Einkommen) ist aber gerade in ländlichen Regionen noch sehr verbreitet. Dennoch müssen Frauen auf dem Land oft harte Arbeit verrichten, was laut einem aktuellen Bericht der Organisation Amnesty International gerade bei schwangeren Nepalesinnen regelmässig zu Komplikationen führt. Bestimmte Aktivitäten (zum Beispiel Rauchen) zählen als typisch männlich und sind unter Frauen verpönt.

Tipp

Die junge Amerikanerin Aria Florant baut seit Sommer 2013 das Netzwerk Women Empowered International (www.womenempoweredinternational.org) auf. Sie hat längere Zeit in Nepal gelebt und diverse Frauenorganisationen und –Verbände besucht und portraitiert. Aria ist eine erstklassige Anlaufstelle für alle „Frauen-Fragen“ in und rund um Nepal.

Stich um Stich zur wunderbaren Chefin

Sabita hatte genug. Es war mitten in der Nacht, ihr Mann kam einmal mehr betrunken nach Hause, schrie sie an, schlug sie. Die junge Frau packte ihre Sachen und zog hinaus in die Nacht, weg von diesem Mann, den ihr ihre Eltern ausgesucht hatten und der ihr seit Jahren Tag für Tag das Leben schwer machte. Sabita war eingesperrt, durfte nicht mit anderen verkehren und musste im und rund um das Haus ihres Mannes hart arbeiten. Es war ein Leben ohne Freiräume, ohne Pausen und ohne Freude. Ein Leben, das Sabita nicht mehr länger aushielt. Sie befreite sich aus den Klauen ihres familiären Albtraums und brach auf, um ein neues Leben zu wagen.

Den Schritt, den eigenen Mann zu verlassen, wagen in Nepal nur ganz wenige Frauen. Eher fügen sie sich ihrem Schicksal, als die Initiative zu ergreifen und für ihre Rechte einzustehen. Doch Sabita war stark, zu stark für diesen alkoholsüchtigen Rüppel, den sie so lange wortlos ertragen hatte. Nach ihrer Flucht wohnte sie mal da, mal dort, schlug sich durch mit der Hilfe von Verwandten und begann zu nähen. Anfangs nur für sich selbst, dann für Bekannte, schliesslich für das halbe Dorf Panga, in dem sie aufwuchs. Sabita konnte mit ihren Händen umgehen, entwarf farbige Saris, nähte dicke Winterjacken und strickte Mützen aus Yak-Wolle. Die Nachfrage nach ihren Kleidern wuchs schnell. Irgendwann stellte sie eine Frau aus dem Dorf ein, zahlte ihr einen kleinen Lohn für ihre Näharbeiten und nahm täglich neue Aufträge entgegen. Die Kunden waren zufrieden, immer neue Anfragen erreichten Sabita und ihre Mitarbeiterin. Sabita dachte ans Expandieren, daran, eine eigene Firma zu gründen. Sie stellte mehr Frauen aus dem Dorf ein, vor allem solche, die – wie sie einst selbst – unter dem harten Regime ihrer Männer litten. Schliesslich sassen sie täglich zu acht im Kreis rund um farbige Wollknäuel und nähten, strickten und häkelten, was die geschundenen Hände hergaben.

Vor sieben Jahren mietete Sabita für sich und ihre Näherinnen ein leerstehendes Fabrikgebäude in der Stadt Kirtipur. „Kirtipur Hosiery Industries“, so nannte Sabita ihr kleines Unternehmen. Vor zwei Jahren wurde die Outdoor-Bekleidungsfirma „Sherpa Adventure Gear“ auf Sabitas geschickte Näherinnen aufmerksam und gab hunderte Winterjacken und Wanderhosen bei ihr in Auftrag. Sabita nahm den Auftrag an, bildete neue Schneiderinnen und Näherinnen aus, mietet eine zweite Fabrikhalle zu und kaufte sich zwölf topmoderne Nähmaschinen.

Heute beschäftigt die junge Nepalesin in ihrem Unternehmen mehr als 170 Frauen. Viele von ihnen arbeiten von zuhause aus und können sich nebenher um ihre Kinder und den Haushalt kümmern. Home Office: Ein modernes Konzept, das in Sabitas Firma perfekt funktioniert. Übrigens: Seit vergangenem Jahr arbeitet neben all den Frauen auch ein Mann in Sabitas Unternehmen; ihr  Mann. Sabita hat ihm eine Entziehungskur in einem Spital in Kathmandu finanziert und ihm eine zweite Chance gegeben. Seit einigen Monaten wohnen sie wieder zusammen. Er macht einen zufriedenen Eindruck, wie er so hinter seiner Nähmaschine sitzt. Sabita sagt, er sei ein fleissiger, wissbegieriger Arbeiter, und lächelt ihn an. Er lächelt zurück. Erst, als Sabita ausser Hörweite ist, flüstert er mir zu, er sei stolz auf seine Frau. Sie gebe ihm einen Sinn im Leben. Und, sie sei eine wunderbare Chefin.

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